Yiquan

Yiquan Kurzbeschreibung

Gesundheit - Einfachheit - Innere Kraft

Der Trainingsaufbau im Yiquan

Die Geschichte des Yiquan

Methode und Wirkung des Yiquan

Yiquan Kurzbeschreibung

Yiquan ist gleichermassen für Gesundheit und Kampfkunst effizient. Meditation (chan), Kampfkunst und Gesundheitspflege sind zu einer multifunktionalen Synthese verschmolzen.
Yiquan wird wörtlich meistens mit "Geist-Faust" übersetzt. Yi steht für Vorstellungskraft, Absicht, Bewusstsein und vieles mehr, quan für Boxen und Kampfkunst. Der Yiquan-Stil ist auch als chan-Boxen und unter dem Namen Dachengquan bekannt.
Der Begründer des Stiles Wang Xiangzhai (1885-1963) vereinigte in seinem übungssystem die Essenz aus den chinesischen Inneren Kampfkünsten.
Die Basis des Systems stellt das Yiquan-yangsheng-qigong dar. Dies beinhaltet drei übungsgruppen mit den Namen zhanzhuang, shili und mocabu. Der Kampfkunstteil, welcher auf die Gesundheitsübungen aufbaut, setzt sich aus den Teilen fali, shisheng, tuishou und sanshou zusammen.

Gesundheit - Einfachheit - Innere Kraft

Gesundheit

Yiquan schliesst einseitige und unnatürliche Trainingsmethoden aus und fördert die Entwicklung des mentalen und physischen Potentials bis ins hohe Alter. Gleichzeitig mit der Zunahme des Energieniveaus wird der gesamte Körper mit seinen Regulationsmechanismen gestärkt.

Einfachheit

Yiquan ist ein offenes System, welches von jeder Person jederzeit und ohne besondere Vorbedingungen praktiziert werden kann. Der Trainingsaufbau ist unkompliziert und kann den individuellen Erfordernissen entsprechend gestaltet werden. Die Erfolge sind in allen Bereichen nach kurzer Zeit überprüfbar, es bedarf keiner Mystifizierung. Die Anwendbarkeit ist neben der Natürlichkeit ein übergeordnetes Kriterium.

Innere Kraft

Die Innere Kraft, im chinesisch neili oder neijin genannt, resultiert aus der Einheit von Geist und Körper. Das heisst aus dem Training der Ganzkörper-senso-motorik bzw. der neuro-muskulären Koordination und einer ganzheitlichen Fitness. Die übungen zielen sowohl auf die Vermehrung des qi als auch auf die Entwicklung der Inneren Kraft. Diese entsteht aus dem ausgewogenen und dynamischen Zusammenwirken folgender Elemente:

  • yi
  • Vorstellungskraft, Absicht, Konzentration, Visualisation...
  • qi
  • Energie, Gesamtheit aller physiologischen Funktionen
  • li
  • Kraft, Muskelkraft, physikalische Kraft
  • xing
  • Form, Haltung..
  • shen
  • Geist, persönlicher Geist, Geisteskraft, "geistige" Struktur
  • xin
  • Herz (-Geist), Bewusstsein, Regulation der Emotionen

    Das Ziel für den Alltag ist die Voraussetzungen zu schaffen, damit auch unter Stress das Gleichgewicht gewahrt und die Gesundheit geschützt werden kann. In der Kampfkunst ist es hunyuanli - "die vollständige Kraft". Dies bedeutet jederzeit mit dem ganzen Körper in jede beliebige Richtung mit jeder beliebigen Intensität (Kraft/ Energie/ Spannung) in Aktion treten zu können.

    Der Trainingsaufbau im Yiquan

    Die sieben übungsgruppen des Yiquan, aufgeteilt in die Bereiche Gesundheit und Kampfkunst:


    Gesundheit - yangsheng (qigong) Kampfkunst - jiji (wushu)
    1. yangshengzhuang (zhanzhuang)
    2. shili
    3. mocabu
    1. jijizhuang (zhanzhuang)
    2. fali
    3. shisheng
    4. tuishou
    5. sanshou

    Die Aufteilung in die zwei Bereiche ist relativ zu verstehen, da sie sich teilweise überschneiden. Die Basis von Yiquan (und der meisten Inneren Kamfpkünste) ist das zhanzhuang.

    1. Zhanzhuang

    Zhanzhuang, auch zhanzhuanggong genannt, heisst wörtlich übersetzt: "stehende Säule übung", "stehender Pfahl übung". Als Variante ist auch "Stehen wie ein Baum" gebräuchlich. Bei dieser übung liegt der Schwerpunkt anfänglich auf dem Zentrieren, Ausrichten und Entspannen in Verbindung mit bestimmten Vorstellungen sowie der Entwicklung der Inneren Kraft. Ein zentrales Moment der übung ist die Erfahrung, dass durch winzige Veränderungen der Positionen unterschiedlichste Trainingseffekte erzielt werden können. Es gibt insgesamt etwa 25 verschiedene Stände, mit welchen die Anforderungen nach und nach erhöht bzw. angepasst werden können. Die "Gesundheitsstände" heissen yangshengzhuang, die "Kampfstände" jijizhuang.

    2. Shili

    Shili bedeutet: "Kraft-Probe-übung", "Kraft testen", "spüren der Kraft". Durch langsame und fliessende Bewegungen, welche im Stand oder mit Schritten durchgeführt werden, wird die in den Standübungen entwickelte Innere Kraft in Bewegung umgesetzt und modifiziert. Dabei wird die bewusste Wahrnehmung der unterschiedlichen Qualitäten der "Ruhe in der Bewegung" und im relativen Gegensatz dazu die Varianten der "Bewegung in der Ruhe" zu einem interessanten Thema des Trainings.

    3. Mocabu

    Mocabu heisst wörtlich: "der reibende Stand/Schritt" oder auch das Training der Schritte; ist teilweise auch als bufa (chin. Stand Verschiebung) bekannt. Im Deutsch also in etwa Laufschulung. Dabei wird die Koordination der Bewegung im Raum verbessert, wodurch der Entwicklungsprozess hin zur "vollständigen Kraft" um eine weitere Dimension ergänzt wird.

    4. Fali

    Fali oder baofali bedeutet: Explosion der Kraft, ausbrechende Kraft. Das fali-Training ermöglicht, die Innere Kraft explosiv nach aussen zu bringen.

    5. Shisheng

    Shisheng (chin. Stimme Training, Ton versuchen) sind spezielle Laute mit welchen die Kraftwirkung beim fali zusätzlich unterstützt werden kann.

    6. Tuishou

    Tuishou heisst: "schiebende Hände", "fühlende Hände" und ist die auch als "Push Hands" bezeichnete PartnerInnenübung, bei welcher Standfestigkeit, Gleichgewicht, Reflexe, Techniken, Krafteinsatz u.a. überprüft und vertieft werden können. Dabei sind Flexibilität, Lebendigkeit und Kompaktheit gleichermassen gefordert. Tuishou wird auch als Brücke zwischen Basisübungen und dem mehr kämpferischen Yiquan verstanden.

    7. Sanshou

    Sanshou bezeichnet das waffenlose Freikampftraining (Sparring), wobei auch dieses nicht ganz frei von Regeln sein kann. Verwandte Begriffe sind: jijifa (Kampf-übung, -Methode), shizuo (Sparring), dancao (einzelne Kampftechnik), sanda (Vollkontaktsport).

    Die Geschichte des Yiquan

    Yiquan wurde Mitte der 20er Jahre (des 20. Jh.) von Meister Wang Xiangzhai (1886-1963) entwickelt. Wang Xiangzhai soll ein Schüler des damals berühmten Xingyiquan Meisters Guo Yunshen (1827-1902) aus der chinesischen Provinz Hebei gewesen sein und bei diesem die zhanzhuang übungen erlernt haben, die später als charakteristische übungen des Yiquan bekannt wurden. Im Alter von 22 Jahren begab sich Wang, nach dem Tode seines Lehrers, auf Arbeitssuche nach Peking und trat der Armee bei. Schon bald fiel sein Können auf und so wurde er zum Kampfkunst-Lehrer befördert. In der folgenden Zeit (wie auch in den folgenden Jahrzehnten) besiegte er einige berühmte Kämpfer und Kampfkunstlehrer, ohne dabei jemanden zu verletzen. Mit 33 Jahren beschloss Wang durch China zu reisen und andere Kampfkunstmeister zu treffen. In dieser Zeit setzte er sich mit Shaolin-Xinyiba, Kranich-Boxen, verschiedenen Xingyiquan-Stilen, Baguazhang und Taijiquan auseinander und komplettierte so die Theorie und Praxis seiner eigenen Kampfkunst.

    Nachdem Wang bei seinen Schülern bemerkte, dass diese zu sehr auf äussere Formen und festgelegte Abläufe fixiert waren und dadurch nur geringe Fortschritte machten, begann er sein Trainingssystem zu ändern. Er stellte fortan das zhanzhuanggong ("Stehen wie ein Pfahl übung", "Stehen wie ein Baum") und shili ("übungen um Innere Kraft zu spüren/proben") in den Mittelpunkt des Trainings mit dem Ziel, an die ursprüngliche Wurzel der Inneren Kampfkünste zurückzukehren; gleichzeitig kritisierte Wang zunehmend verbreitete Lehrmethoden, was sich auch in den von ihm (in den 30er Jahren) verfassten Büchern niederschlug. Das xing (chin. Form) im Namen Xingyiquan (chin. Form-Geist-Boxen) wurde nun gestrichen: es blieb Yiquan, welches Wang bis ca. 1940 weiterentwickelte.

    Zur Zeit der militärischen Besetzung Chinas durch japanische Truppen forderte Wang per Inserat alle Meister anderer Kampfkünste zu Vergleichskämpfen heraus, wobei er alle besiegt haben soll. Einige wurden später seine Schüler; stellvertretend sei der Begründer des japanischen Yiquan (Taikiken) Kenichi Sawai genannt. Mit dem Namen Dachengquan, (chin. "Boxen der grossen Vollkommenheit") den einige Studenten für das Yiquan verwendeten, konnte Wang sich nicht ganz anfreunden, da er meinte, das in der Kampfkunst kein perfektes System möglich sei. Wang Xiangzhai war auch als Kenner des chan (chin. "Meditation"; chinesischer Buddhismus) sowie als Maler, Dichter und Kalligraph bekannt. In seiner späteren Lebenszeit widmete er sich besonders dem Gesundheitsaspekt des Yiquan; dieses wurde in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts von den chinesischen Behörden als eine der führenden qigong-Schulen bestätigt. Heute wird es in chinesischen Krankenhäusern zur Unterstützung der Heilung von zahlreichen Krankheiten angewendet.

    Wang Xiangzhai

    Yao Zongxun

    Yao Chengrong

    Methode und Wirkung des Yiquan

    Zur Erinnerung: Fixierung auf starre Formen, Individualismus oder auf den Kampf wird abgelehnt; Natürlichkeit und Spontaneität dagegen gefördert. Dabei kommt der natürlichen Tendenz des menschliche Organismus, das Innere Gleichgewicht herzustellen (Homöodynamik) und Energie aufzubauen, eine prominente Rolle zu. Die Apekte von Ruhe und Bewegung, Innen und Aussen, Kraft und Weichheit, Anspannung und Entspannung sind relativ, d.h. keine absoluten Gegensätze.

    Stichwort Methoden Wirkungen
    Zentrieren

    zhongding

    Koordination der Haltung.
    Stabilisierung des Schwerpunktes.


    Korrektur von Fehlhaltungen.
    Bessere Statik (Gleichgewicht)
    und bessere Zirkulation von
    Blut und Lymphe.
    Entspannen
    und Spannen

    fangsong
    zhengli
    tanli










    Verschiedene Formen des Trainings
    der "Haltemuskulatur" bei gleich-
    zeitiger Entspannung der
    "Bewegungsmuskulatur" sowie
    differenziertes Kombinieren der
    verschiedenen Muskulaturanteile in
    enger Verbindung mit bestimmten
    Vorstellungen.
    Zhengli (Innere Verbindungen;
    entgegengesetze Kraft) bedeutet
    "Ganzkörperkraft", steht aber auch
    für Modelle, die dazu dienen,
    dieselbe, Kompaktheit und die
    "elastischen Federkraft" tanli zu
    entwickeln.
    Zunahme der Energie (qi),
    speziell der Mitochondrien der
    Haltemuskulatur. Energie-
    zirkulation (z.B. Blut, Lymphe)
    kann im physiologischen
    Bereich bewusst gesteuert
    werden. Verbesserung der
    ökonomie des Körpers.







    Mentales
    Training

    yifa
    neigongquan


    Dem mentalen Aspekt des Trainings
    (Visualisation oder mentale Bilder;
    yi) kommt eine übergeordnete Rolle
    zu, da mit einfachen Methoden
    ausserordentlich komplexe
    Wirkungen erzielt werden können.
    Die richtig eingesetzte Absicht
    (yi) führt zur Aktivierung und
    Stabilisierung derjenigen
    Strukturen des Organismus
    welche für Gesundheit und
    Kampfkunst evident sind.
    Propriozeption

    Einheit von
    yi, qi und li






    Wahrnehmungsschulung durch
    gezielte Aufmerksamkeit auf
    Schlüsselpunkte der energetischen
    und strukturellen Prozesse des
    Organismus.
    Entwicklungstendenzen erkennen
    und entsprechend reagieren
    (Körper, Bewegung, Kraft)
    Training des Nervensystems, der
    Ganzkörper-senso-motorik.
    Höheres Körperbewusstsein
    und gesteigerte Metaplastizität
    duch vielfältige Aktivierung/
    Bewegung (mehr Stabilität,
    weniger Verspannungen,
    zunehmende Lernfähigkeit).
    Schnellere Reflexe.



    "Innere Kraft"

    Salutogenese

    neili / neijin








    Stabilsierung der physiologischen
    und in einem gewissen Ausmass
    emotionalen und kognitiven
    Gleichgewichte. Optimierung des
    dynamischen Gleichgewichts
    zwischen Bewusstsein, Form,
    Energie, Struktur und Kraft.
    Vertrauen in die dem Organismus
    immanenten Kräfte und
    Regulationssysteme.
    Sukzesive Erhöhung der
    Anforderungen.
    ökonomisierung.
    Das "unbewegte Herz",
    Ausgeglichenheit, die
    Unterstützung der Regulation
    der Emotionen stärkt das
    Immunsystem, die Fitness und
    somit die Ressourcen.







    fali






    Explosive Kraftausübung, welche
    die unwillkürliche Ausbalancierung
    durch die "Haltemuskulatur" sowie
    eine genau dosierte Vorspannung
    bestimmter Haltemuskulaturanteile
    bei hoher Geschwindigkeit
    voraussetzt.
    Erhöhte Widerstandsfähigkeit.






    Improvisation

    PartnerInnen-
    übungen

    hunyuanli






    Experimentieren und Improvisieren
    (z. B. "Gesundheitstanz" oder
    tuishou/sanshou) sind reguläre
    Trainingsinhalte.
    Widerstandskraft
    und Kreativität ( "Formlose Form",
    wuwei; Anpassungsfähigkeit)
    werden miteinander verbunden.
    Anders gesagt: Ganzkörperkraft,
    Flexibiliät und lebendige Kraft
    werden zu hunyuanli,
    der vollständigen Kraft.
    Erhöhte Widerstandsfähigkeit












    Insgesamt ist die Mulitfunktionaltität hervorzuheben.


    "Die übereinstimmung zwischen "Herz", Vorstellungskraft, Qi und Kraft
    bedeutet, dass das Bewusstsein ("Herz"), die Gedanken, das Qi und die Kraftentwicklung
    völlig eins werden."

    Aus: Jiao Guorui, 1997, Qigong Yangsheng, ML Verlag, S. 143